Rundum schlecht versorgt

Man kann nicht über Beziehungen sprechen, ohne Klebepobel an Duschwänden zu erwähnen. Finde ich. Es gibt halt immer zwei Seiten… Mein Leben jedenfalls ist kein weichgespülter Erlebnispark für rosafarbene Wolken-Einhörner, ich nehme durchaus wahr, was um mich herum suboptimal läuft.

Schwangerschaften zum Beispiel. Laufen bei mir wirklich sehr suboptimal. Sehr, sehr suboptimal. Gerade kehre ich wieder von einem Ausflug ins Innere meiner Klosettschüssel zurück und verteufel den Erfinder des Tiefspüler-WC’s. Denn was mit hohem Druck hineingeschossen wird in so einen Tiefspüler, das kehrt auch mit hohem Druck wieder zurück. Ekelhaft? Ja. Ist mein Alltag. Heute bereits im neunten Schwangerschaftsmonat. Den Erfinder des Begrifffs der frühschwangerschaftlichen Morgenübelkeit verteufel ich übrigens auch. Der kann sich mit dem Erfinder des Tiefspüler-WC’s gemeinsam gehackt legen. Nur wer fünfunddreißig Wochen seines Lebens jede Sekunde gegen Übelkeit und Erbrechen gekämpft (und hunderte Male verloren) hat, kann sich vielleicht vorstellen, was ich empfinde, wenn folgende Lieblingssätze fallen:

Ist ja nicht mehr lang.

Das hast du dir so ausgesucht.

Das hört doch nach drei Monaten auf.

Ach wie süß – dann wird es bestimmt ein Mädchen!

Ist das vielleicht psychisch?

Also ich hab mich in meinen Schwangerschaften immer so wohl gefühlt – die schönste Zeit meines Lebens!

Aha. Die schönste Zeit im Leben einer Frau soll das sein? Auch ohne die Dauerübelkeit mit chronischem Erbrechen kann ich das nun wirklich nicht glauben. Cellulite bis zu den Knöcheln, brutale Geweberisse, Hämorrhoiden, Varizen, Hautausschläge, Juckreiz, Pilzinfektionen, Besenreißer, neurologische Ausfälle wegen Minderdurchblutung, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Nierenstau, Unterleibsschmerzen, Vorwehen, Senkwehen, Übungswehen über Monate, Symphysenlockerung, Illeosakralgelenkblockaden, Ischiasterror, Pigmentstörungen, Immunsuppression mit Dauerinfekten, chronische Schleimhautschwellung, toperotisches Dauerschnarchen, Schlaflosigkeit, übermäßiges Schwitzen, Bluthochdruck, Verstopfung, Kreislaufzusammenbrüche, Gelenkschmerzen, Verdrängung aller Organe, Kurzatmigkeit, Kraftlosigkeit, Dauermüdigkeit und über alldem die gesellschaftliche Erwartungshaltung, der dauereuphorischen, immer top gestylten und schlanken Power-Mutti, die all das weglächelt und strahlt: Ich freue mich!

Schlank! Körperliche Proportionen. Auch so eine Sache. Jeden Tag fühlt sich eine gewisse Anzahl von Personen dazu berufen, meine körperlichen Ausmaße zu begutachten und zu bewerten. Auch hier wieder eine kleine Auswahl :

Der Bauch ist aber spitz, wird bestimmt ein Junge.

Der Bauch ist aber rund, wird bestimmt ein Mädchen.

Der Bauch sitzt ja noch sehr hoch, das dauert noch.

Der Bauch hat sich ganz schön gesenkt, geht bestimmt bald los.

Das sieht man aber, dass du zugenommen hast.

Du hast aber bis auf den Bauch nichts zugenommen, oder?

Letzte Frage geht sehr oft mit einer Umrundung meines Körpers einher – der Fragesteller zieht im Halbkreis um meine ausladende Figur und verharrt in meinem Windschatten, während ich -immer einigermaßen fassungslos- darüber nachsinne, wie ich mich jetzt fühlen soll, während eine mir meistens nicht mal sehr nahestehende Person ohne Scheu meinen Hintern auf Fettpolster absucht und entsprechend kommentiert.

Na, das ist sie also – die schönste Zeit im Leben einer Frau! Herrlich. Und wer es nicht dankbar und in Seligkeit voller Selbstaufgabe und Erfüllung zu ertragen bereit ist, der ist nicht wertschätzend, schließlich geht es hier um die Entstehung eines neuen Lebens und da soll man mal bitte schön in Ehrfurcht erstarren und still dulden, was die Natur einem auferlegt.

Wer ereignislose Schwangerschaften erleben darf, soll sich glücklich schätzen. Allen anderen wünsche ich an dieser Stelle gutes Durchhaltevermögen, viel Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Das minimiert die Angriffsfläche.

Und wer nicht schwanger ist, kann ja mal eine Schwangere überraschen. Man könnte sich z.B. Erkundigen, welches Buch sie gerade liest, wie sie die aktuelle Entwicklung der Europapolitik bewertet oder welche beruflichen Ziele sie in den kommenden fünf Jahren ins Auge gefasst hat. Verückt, oder?

Nachtrag:

Das Baby ist da. Ein perfekter, kleiner Mensch.

Nein, kein Hohelied auf die Schwangerschaft, soweit geht es dann doch nicht. Aber die kleine, bedeutsame Feststellung soll nicht fehlen:

es hat sich gelohnt.

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Ohne Worte

In der Tierhaltung werden aggressive Artgenossen von der Herde isoliert, um körperliche Verletzungen und seelischen Stress von allen Tieren fernzuhalten. Im zwischenmenschlichen Miteinander verfährt man anders – in Amerika zum Beispiel wählte man kürzlich den aggressivsten Artgenossen zum Präsidenten – eine, wie ich finde, merkwürdige Form der Isolation.

Es gibt mittlerweile viele Dinge, die ich nicht mehr verstehe und die mich in gewisser Ratlosigkeit zurücklassen. Vor einigen Wochen zeigte mir die Pubertät Auszüge aus einer anonymisierten Mobbingplattform (ich gebe zu – allein die Verfügbarkeit solcher Internetseiten stellt mich vor große Rätsel), die darauf abzielen meine Tochter (anonym bezieht sich natürlich nur auf die Akteure, die Opfer der Attacken werden namentlich genannt) zu beleidigen und zu demütigen. Die Bandbreite umfasste neben der subjektiven Einschätzung ihrer Intelligenz vor allem Äußerungen über körperliche Beschaffenheiten, Bekleidungsgeschmack und gesellschaftspolitische Einstellungen. “Body-shaming”, Diskriminierung, sexuelle Beleidigung und Beleidigung – um es etwas deutlicher zu formulieren. Für mich sind das Straftaten und jeder, der mich auf diese Weise angreifen würde, hätte am selben Tag eine Anzeige gegen sich laufen. Für meine Tochter ist das allerdings bereits normal erlebter Alltag, Mobbing im Internet als lästiges Anhängsel einer falsch verstandenen Jugendkultur. Sie lacht über die Idioten, die sich solch kleingeistigen Ventile suchen, um Frustrationen abzubauen.

Ich lache nicht. Ich bin wütend. Und zwar auf meine Generation, die offenbar komplett unfähig ist, ihren Kindern zu vermitteln, wie man freundlich miteinander umgeht. Wo genau ist das Problem, sich gegenseitig mit Respekt und Anstand zu begegnen? Was ist falsch daran, andere so zu akzeptieren, wie sie sind?

Der Mittlere verleugnet seine beste Freundin, mit der er seit seinem ersten Lebensjahr gemeinsam aufwächst. Bei der Tagesmutter und im Kindergarten unzertrennlich, wurde er nach seiner Einschulung von seinen Mitschülern so lange unter Druck gesetzt, bis er sich dazu entschied, nicht mehr mit ihr zu spielen. Ab diesem Zeitpunkt nur noch mit Jungs sozialisiert, sieht er sich einer großen Bandbreite körperlicher Aggressionen im Schulalltag ausgesetzt. Ein Dilemma – nicht nur für unseren Sohn, auch für uns Eltern. Wir versuchen unseren Kindern zu vermitteln, dass sie so sein dürfen, wie sie sind und nicht so, wie andere sie sich wünschen. Unsere Söhne haben Kleider getragen und mit Puppen gespielt, können sich für pinke Glitzerschuhe begeistern, auf Bäume klettern, Fussball spielen und sich königlich amüsieren, wenn sich jemand auf ihr präpariertes Pupskissen setzt. Sie kennen alle Figuren aus Lego StarWars und der Eiskönigin.

Und seit der Einschulung weiß mein Mittlerer, dass Jungs andere Jungs verprügeln, wenn sie anders sind. Und er weiß jetzt, dass es ein Anderssein gibt – das hatten seine dämlichen Eltern nämlich übersehen, dass die Horst-Kevins dieser Welt kleine Horst-Kevins zeugen, die dann genauso Gewalt mit Stärke verwechseln, wie bereits die Vorgängergeneration. In ein paar Jahren werden sie ihre körperliche Gewalt gegen Cybermobbing eintauschen und die Geschichte meiner Tochter wird sich bei meinem Sohn wiederholen.

Damit er die Zeit bis dahin körperlich möglichst unversehrt übersteht, schicken wir ihn seit einigen Monaten zum Karatetraining.

Völlige Fassungslosigkeit über die Respektlosigkeit den Gefühlen anderer Menschen gegenüber erlebe ich aber immer wieder am Grab meines verstorbenen Sohnes. Gut -dass es dort regelmäßig so aussieht, als wäre ein biologisches Experiment aus dem Ruder gelaufen, liegt an meiner unterirdischen Begabung für alles Pflanzliche… das tut mir auch von Herzen leid, aber ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen, dass irgendein kipperauchender Fraggle da lieblos am traurigsten Kinderzimmer der Welt rumstümpert. Dann lieber Chaos – wie in den Kinderzimmern der gesunden, lebenden Geschwister ja auch. Nein, meine Fassungslosigkeit begründet sich darin, dass es doch allen Ernstes Menschen gibt, die sich erdreisten das Grab meines Sohnes zu bestehlen! Sie klauen Spielzeuge, die mein Sohn zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekommt.

Bodenlos. Trump-for-president, Frauen mit eigener Meinung sind Scheiß-Emanzen, Jungs, die mit Mädchen befreundet sind, müssen verkloppt werden und die Gräber verstorbener Babies zu plündern, ist ein Kavaliersdelikt – der Kreis schließt sich.

Nein, heute keine skurille Sicht auf unseren familiären Alltag. Das ist ein Teil unserer sehr frustrierenden Realität. Im Mai erwarte ich unseren nächsten Sohn und mittlerweile frage ich mich, ob wir ihn nicht Horst-Kevin nennen sollten und ihm mit auf den Weg geben sollten, einfach jedem auf die Fresse zu hauen, der ihn nervt und dass er der wichtigste, geilste Typ ist, der sich nehmen soll, was er will. Nieder mit der Empathie, es lebe der zügellose Egoismus, Rücksichtnahme ist für Schwächlinge… leider kriege ich beim Schreiben schon Herpes vor Selbstekel, das wird dann wohl nichts.

Vielleicht gibt es ja alternativ zur Krabbelgruppe oder Babymassage Selbstverteidigungskurse für Babies? Entsprechende Angebote sind erwünscht.

Perspektivenwechsel

Alles, was die Jungs vom Wochenende erzählen, ist wahr.” Mit diesen Worten übergebe ich einen Montag Morgen, nach einem typischen Wochenende mit kompliziertem Verlauf, meine Brut der Erzieherin. Die nickt nur.

Weißt du, mein Freund hat seine Playmobilschwerter verloren Und die Kanonenkugel! Und mein Onkel ist ein echter Pilot und der kann fliegen wie der Dusty von Planes! Da bin ich mit dem Papa mitgeflogen und das war cool, denn ich bin ja noch nie geflogen., weißt du das? Die Polizistin, die wir besucht haben, hatte eine echte Pistole und die hat mir das Gefängnis gezeigt. Da sperren die Verbrecher und Räuber ein und die helfen auch Spuren zu finden. Dann kommt auch die Kriminalpolizei. Ich hab der Mama Entschuldigung gesagt, dass ich die Spur vom Auto weggewischt hab.”

Ich auch fliegt”, ergänzt der Terrorzwerg.

Die Pubertät wird vermutlich schlecht gelaunt in den Kreis der Peergroup treten und berichten, dass Familienausflüge ja grundsätzlich schon nerven, dieser aber besonders anstrengend und deshalb sowieso überflüssig war.

Und die Oma? Bereits überzeugte Bahnfahrerin kann sie spätestens jetzt versichern, dass die sicherste und bequemste Art des Reisens nur mit der BahnCard und dem Bärenticket zu erleben ist.

Der Göttergatte möchte bitte nicht darauf angesprochen werden.

Und ich? Ich habe Angst zu reisen. Mittlerweile bin ich doch zutiefst verunsichert. Zwei etwas entferntere Reiseziele in überschaubar zeitlichem Abstand und beide mit dezent tragischem Verlauf. Zu Besuch auf einer Hochzeit verließ uns die Kupplung unseres Gefährts, leider auf dem Weg Richtung Zugspitze. Also am Berg. Bis dahin hatte ich geglaubt, dass der Nichts-geht-mehr-Stau eine Stunde vor der Trauung mitten in den Bergen mit anschließender Serpentinenfahrt über Nebenwege der Tiefpunkt des ansonsten wirklich wunderbaren Wochenendes gewesen sei. Dort befand ich mich nämlich irgendwann schräg im VW-Bus stehend, um dem sich haltlos übergebenden Terrorzwerg irgendwie mit seinen Ausscheidungen zu assistieren, während ich den Göttergatten anschrie, keiner wolle sterben, um pünktlich bei der Hochzeit zu sein und der Mittlere wegen des Schauspiels am Nebenplatz permanent würgte. “Du kotzt jetzt nicht!” schrie ich und hörte Kichern von der Rückbank. Die Pubertät versuchte mit ihrer besten Freundin und einer guten Portion Humor der Situation freundlich zu begegnen.

Als wir mit nur wenigen Minuten Verspätung auf den Parkplatz der Kirche donnerten, riss die Pubertät die Schiebetür auf, sprang nebst Freundin ins Freie, während der Mittlere verkniffen heraushopste, um direkt in den nächsten Busch zu urinieren. Der Terrorzwerg war bereits nackt und wir fanden mit Mühe Shirt und Hose vom Vortag im Gepäck, um unser gespenstisch weiß anmutendes Kind wenigstens textil coloriert unter die Hochzeitgesellschaft zu mischen.

Was sollte da also noch kommen? Genau – eine veritable Panne. Am Berg. Mit vier Kindern 900 km von zu Hause entfernt und beruflichen Verpflichtungen, die eine sofortige Weiterreise nötig machten. Wir fuhren mit zwei Mietwagen zurück und eine Woche später kam unser Bus per Autotransport ebenfalls in die Heimat.

Nach diesem besonderen Erlebnis mit dem Süden machten wir uns wenige Wochen später auf in den Norden. Der große Bruder sollte zum runden Geburtstag überrascht werden. Alle drei Kinder ins Auto, Gepäck fürs Wochenende und die Oma obendrein. Und weil ich pragmatisch bin, beschloss ich die unbedingt notwendige Grabpflege im Norden direkt mit einzubauen. Liegt ja auf dem Weg. So waren wir sehr gut in der Zeit, als wir den Friedhof in Bremen erreichten. Mit allen Utensilien ausgerüstet machte ich mich auf zur Grabstätte und schickte den Rest der Familie ins nächstgelegene Café. Dass dies geschlossen hatte, erfuhr ich, als die ganze Sippe plötzlich ebenfalls auf dem Friedhof erschien.

Dass der Parkplatz des Friedhofs mittlerweile beliebter Ort für Autoeinbrüche ist, erfuhren wir alle, als wir zehn Minuten später zum Auto zurückkehrten. Die Beifahrerscheibe war eingeschlagen, die Tasche des Göttergatten, gedankenlos im hinteren Innenraum vergessen, war nebst aller Wertsachen und Papiere entwendet. Die alarmierte Polizei wollte gar nicht erst ausrücken, wir sollten zur nächstegelegen Wache kommen.

Die Anzeige schrieb sich recht fix, dieSpuren am Tatort interessierten niemanden und der Mittlere hatte die vom Einbrecher hinterlassenen Fussabdrücke an der Beifahrertür penibel entfernt – jedoch ließen die polizeibegeisterten Jungs es sich nicht entgehen, dass die freundliche Beamtin Ihnen die Gefängniszellen der Wache zeigte und einen Kurzvortrag zum Thema Spurenischerung hielt.

Danach war es leider so spät, dass sämtliche Werkstätten, die notdürftig Abhilfe für unsere scheibenfreie Sicht hätten schaffen können, bereits geschlossen hatten. War ja auch Samstag. Und nun bereits 16 Uhr – die Überraschungsfeier für den großen Bruder begann auch gerade. Hatte ich erwähnt, dass es Ende November war? Kalt ist es im November. So ganz ohne Scheibe. Vor allen Dingen, wenn sonntags über 400 km Rückfahrt geplant sind. Wir konnten im Baumarkt mit Hilfe einer erworbenen Plexiglasscheibe und einer japanischen Zugsäge, sowie einer ganzen Rolle Panzerband eine Alternative selber basteln. Dabei stritten der Göttergatte und ich zwischen den Baumarktregalen dermaßen laut und enthemmt, dass ein Mitarbeiter sich berufen fühlte, uns beim Einbau der selbst gebastelten Ersatzscheibe zu helfen. Vielleicht hatte er Angst, dass wir die Säge zweckentfremden und als Waffe gegen uns richten. Vielleicht liefen unter den Baumarktmitarbeitern  aber bereits Wetten über Sieger und Verlierer im stressbasierten Ehestreit.

Wir kamen irgendwann an auf der Überraschungsfeier… auch wenn das jetzt für uns wohl die größte Überraschung des Tages war.

Der große Bruder dankte uns mit Rundflügen über Norddeutschland am Folgetag. Die kleine Chartermaschine startete und landete so lange, bis jedes Familienmitglied seine Runde geflogen war. Die kleine Schwester brachte sogar ein Reisesouvenir mit, liebevoll eingepackt in einem kleinen flüssigkeitsundurchlässigen Papiertütchen. Nur ihre Gesichtsfarbe hatte sie irgendwo am Himmel gelassen.

Dass der große Bruder während meines Rundflugs, welchen ich gemeinsam mit dem Terrorzerg und der Pubertät bestritt, der Pubertät das Steuern der Maschine übertrug, ließ mein Blut zeitweise in den Adern gefrieren. Ich rief in mein Mikrofon, dass das nicht so eine gute Idee sei, dass sie ehrlich gesagt beim Fahrradfahren noch nicht ausreichend zuverlässig wäre und jetzt so mit der Verantwortung für unser aller Leben in einer Propellermaschine vielleicht nicht so gut umgehen könne. Möglicherweise sagte ich aber auch nur “URGS”, denn Pilot und Copilotin zeigten keine Reaktion. Der Terrorzwerg war unterdessen eingeschlafen.

Wochenendausflüge? Zu Hause ist es doch auch ganz schön!

Logopädie?

Bitte nicht, denke ich, nachdem der Pädaudiologe mir versichert, dass Logopädie bei unserem schlecht hörenden und unverständlich sprechenden Terrorzwerg eine sinnvolle Maßnahme sei. “Um ihn sozial nicht auszugrenzen”, so die ärztliche Begründung. Ich möchte diese Einschätzung doch etwas in Zweifel ziehen. Unser Terrorzwerg verfügt nämlich über ein engelsgleiches Erscheinungsbild und verzückt durch charmantestes Mienenspiel unter blondem Schopf. Sein Vokabular aber ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er schimpft wie ein Rohrspatz, beleidigt die Mitglieder seiner Familie mit wüsten Ausdrücken und erfreut sich an allen Begriffen der Fäkalsprache. Außer uns kann das aber wegen des ausgeprägten Sprachfehlers niemand verstehen.

So zog ich heute erst mit ihm los, um unter dem Einsatz eines Bollerwagens Altpapiermassen zum Container zu transportieren. Keine Oma, die nicht vor Entzückung ergriffen stehen blieb beim Anblick des kleinen Schelms, der da mit seiner Mama das Wägelchen zog und dabei herzallerliebst auch noch ein kleines Liedchen schmetterte. Eindeutig ließ sich die Titelmusik von Bibi und Tina ausmachen. Und ja, ich gebe zu, dass er sich um Textfestigkeit bemühte. Aber es ist mir wirklich nicht bekannt, dass in einigen Textpassagen die Worte “Kacke,Pieselmann und Schnippi” vorkommen. Ich lauschte überrascht hin, denn eins muss man dem Nachwuchsstar der Wiener Sängerknaben lassen: melodisch blieb der Vortrag trotz freier Textinterpretation einwandfrei!

Was ist also zu tun? Lassen wir ihn lernen, sich deutlich und verständlich auszudrücken, kann das unmöglich seine höhere soziale Integration zur Folge haben. Vielleicht werden wir Eltern sozial mehr eingebunden, weil wir dann ständig im Kindergarten vorsprechen müssen und andere Eltern sich beschweren, dass unser Sohn ihren unbescholtenen Kindern Schimpfwörter und Fäkalsprache beibringt…. aber eine verbesserte soziale Einbindung des Terrorzwergs – ausgeschlossen!

Andererseits ist er wirklich schwer zu verstehen und auch seine Kernfamilie verzweifelt so manches Mal an Fehlinterpretatinen des Gesagten und löst damit emotionale Lawinen seitens des Unverstandenen aus, die meistens darin gipfeln, dass er familiäre Beziehungen pauschal aufkündigt. “Du kannst nie wieder meine Mutter sein! NIE WIEDER!”

Das möchte man ja auch nicht ständig hören. Und vielleicht ist hören ja das Stichwort – wenn wir unseren jüngsten Sproß schon nicht vollständig in die Welt der gut Hörenden bekommen, dann soll er doch wenigstens verständlich ausdrücken können, was ihn bewegt. Auch, wenn es Kackawurst ist. Anschließendes Tuscheln hinter seinem Rücken wird er schließlich nie mitbekommen.

Empfehlung des Tages

Eltern verlieren parallel zum Längenwachstum des Kindes über die Jahre ihre Kompetenzen. Oder ihre Einflußnahme. Oder beides. Bereits von laufenden Metern muss man sich anhören, dass man völlig im Unrecht mit seiner Weltanschauung sei, denn der Max aus dem Kindergarten, der hat es ganz anders erzählt. Und der muss es wissen, zählt er doch bereits zu den Schlaumeiern und steht somit so gut wie mit einem Zeh in der Grundschule.
Dr. Google ist auch so ein Miterzieher, der in unpassendsten Momenten dem Kind mitteilt, was es zu tun hat. Erstaunlicherweise hört das Kind auf Dr. Google – obwohl der gar keinen Strafenkatalog führt.
Und so passiert es, dass wir nach einem besonders anstrengenden Samstagnachmittagausflug später als geplant zu Hause einkehren, zwei mittelmäßig gelaunte, weil sehr müde Söhne im Schlepptau, als die schon etwas nervöse Stimme der zu Hause gebliebenen Pubertät über die Etagen verkündet, sie käme später runter, müsse erst noch duschen. Das spontane Duschen Heranwachsender zu jedweder Tages- und Nachtzeit hinterfragen wir nicht mehr, stattdessen konzentrieren wir uns auf das allabendliche Ritual des Zubettbringens der miesepetrigen Brüder. Spannend ist es, wer es schafft beim liebevoll gesummten Lalelu nicht selbst auf dem Bettvorleger zusammenzubrechen, denn der gefühlte Freizeitwert stellt sich doch erst ein, wenn man kurz nach der Tagesschau auf dem Sofa in traumlosen Schlaf fällt.
Dies ist mein Ziel, als ich erschöpft das Baby mittels Federwiege ins Schlummerland befördert habe. Ich erreiche das Sofa und bette meinen kraftlosen Körper so, dass einer sofortigen Ohnmacht nichts mehr im Wege steht.
“Ich hätte da etwas Inspiration für die Geschichten, die du immer über uns schreibst.”
Die Pubertät hat das Duschen beendet und wirkt auf den zweiten Blick erstaunlich ungeduscht. Sozusagen ziemlich zerzaust.
“Ich wollte gerade ohnmächtig werden, nichts schreiben”, entgegne ich mit halbgeschlossenen Augen.
“Ich habe eine Haarkur ausprobiert als ihr weg wart.”
“Na und?”
“Aus Bananen.”
“Du hast dir Bananen in die Haare geschmiert? Wie kommt man auf sowas?”
“Internet.”
Ich muss lachen – das ist natürlich die Falscheste aller möglichen Reaktionen und die Pubertät stürmt wutentbrannt davon. Dem Bananenduft folgend finde ich sie in ihrem Zimmer, wo die von Dr. Google empfohlene Haarkur eine Schneise der Zerstörung hinterlassen hat. Kleidung, Handtücher, Schränke, Boden, Wände – es existiert kein Quadratzentimeter ohne Bananenfasern und Stücke. Die Pubertät motzt unter Wuttränen, dass das nicht lustig sei und ich komme nicht umhin festzustellen, dass das leider unfassbar lustig ist und ich einfach nichts gegen das anhaltende Lachen machen kann. Dann werfe ich einen genaueren Blick auf das Haupthaar der Geschädigten. Es sieht, man kann es nicht anders sagen, so aus, als habe sich jemand darauf erbrochen. Bananenstücke unterschiedlicher Größe und Konsistenzen haben die Strähnen miteinander verwoben und schaffen einen einzigartigen Nestcharakter.
“War das eine Kur gegen schöne Haare?”
“Mann Mama!”
Die kommende Stunde verbringe ich damit, Bananenbrocken aus den Haaren zu kämmen und bin froh, nicht viel gegessen zu haben, zu quälend sind die Assoziationen. Ich erfahre, dass die besondere Konsistenz der Banane vielleicht auch auf die Zugabe eines nicht unerheblichen Anteils Honig zurückzuführen sein könnte.
Bis auf sehr anhängliche Kleinstfasern bin ich erfolgreich, stelle aber zuversichtlich fest, dass die sich bestimmt in den kommenden Wochen rauswaschen. Oder rauswachsen, wenn es suboptimal läuft.
Das bananige Durcheinander des Zimmers überlasse ich der Pubertät, denn ich möchte zweifelsfrei sicher stellen, dass die erlebte Läuterung möglichst lang nachwirkt.
Aber hier irre ich mich gewaltig. Nicht einmal zwölf Stunden später wird mich die Pubertät fragen, welche Naturkosmetik sie wohl als nächstes herstellen könne. Ich werde sie entsetzt fragen, ob sie dann gar nichts aus der Bananenkur gelernt habe und sie wird wahrheitsgemäß antworten:
“Nein.”

Ich sehe was, was du nichts siehst

Gerade dachte ich, wie wunderbar es wäre, der Frühling käme schön  – ich könnte die Wäsche im Freien aufhängen und hätte das Gefühl von erlebter Freizeit. Da läuft doch was falsch!

In unserer Familie bin ich die Spülmaschinenbeauftragte. Das ist eine elementar wichtige Position, die verantwortlich ist für das korrekte Befüllen des maschinellen Haushaltshelfers. Die anderen Familienmitglieder unterstützen die Ausübung der an meine Position geknüpften Tätigkeit durch vollständige Leugnung der Maschinenexistenz, indem sie benutztes Geschirr ausschließlich auf der Arbeitsplatte sammeln. Von da aus kann ich dann mehrmals am Tag sorgsam die Körbe füllen, natürlich erst nachdem ich das vom Geschirrspüler frisch gereinigte Geschirr an den ihm zugewiesenen Platz geräumt habe. Hiernach ist es mir eine Ehre, die Arbeitsplatte jedesmal von Neuem zu reinigen.

Es scheint ein Familienphänomen zu sein. Der Blick für bestimmt Dinge des Alltags ist unterschiedlich geschärft. Oder unterschiedlich gerichtet. Gänzlich blind kommt auch vor. Nehmen wir das sensible Thema Staub. Fünf Menschen, zwei Katzen und ein Hund bringen das ein oder andere Korn zusammen. Beliebte Orte kompletter Staubüberzüge sind die Bücherregale, sowie alle anderen folierten Preßspanmöbel des schwedischen Einrichtungshauses. Da ich als Spülmaschinenbeauftragte und offizielle Badputzerin, sowie Wäschereifachangestellte und mehr oder minder freiwillige Köchin in Haushaltsangelegenheiten durchaus Bescheid weiß, wird dem Göttergatten regelmäßig aufgetragen, doch mal eben Staub zu wischen und das Haus zu saugen. Es gab mal die Absprache, dass er Staubsaugerbeauftragter sein soll – aber die Position konnte er nicht lange halten, denn – wenn man seinen Ausführungen Glauben schenken will, ich störte seine Amtsschaft durch willkürliches Zwischendurchsaugen, weswegen er nur noch auf Antrag zum Sauger greift. Als Störenfried vom Dienst bemängel ich seitdem konsequent das Endergebnis seines Tuns. „Wieso ist denn hier noch das ganze Regal voller Staub?“ ist eine häufig bemühte Floskel meinerseits nachdem der Staubsauger wieder ordnungsgemäß verstaut ist. „Sollte ich auch Staub wischen?“ ist daraufhin die häufigste Gegenfrage des Göttergatten.

Wenn nun Staub wischen und Staub saugen immer einheitlich getan werden – ist es dann tatsächlich notwendig beide Tätigkeiten konkret als Auftrag zu formulieren?

Offensichtlich.

Übrigens auch nach Jahren des Zusammenlebens.

Und so gebe ich detailliert in Auftrag, was der Haushalt wünscht (es ist ein Trugschluss, dass die Frau hier herrisch diktiert – auch sie ist dem Diktator Haushalt lediglich Untertan): erst überall Staub wischen, dann saugen.

So einfach.

Und wie interessant, welch Unterschiede in den Ergebnissen vorherrschen. Bei mir, wie gesagt, wird das Mobilar vom grauen Mantel befreit. Der Göttergatte schwingt hier den Staubwedel nur lapidar, ereifert sich aber bei der Entstaubung aller Bilderrahmen an der Wand. Dies fällt vor allem dadurch auf, dass nach getaner Arbeit kein Bild mehr gerade an der Wand hängt.

Und jetzt ratet mal, wer hier im Haus professionelle Bildbegradigerin ist?

Weihnachten für Weltverbesserer – ein Exkurs

Die Pubertät plant gerne im Voraus. Also nicht immer – in Sachen Zimmerinstandhaltung vermag ich zumindestens keine unmittelbare Planung erkennen. Kürzlich jedenfalls erschien sie zu einem kurzen Gespräch, um mich zu informieren, welche weihnachtlichen Wünsche sich in diesem Jahr so angesammelt hätten. Wie jedes Jahr erstellt sie dabei eine Liste, die ich dazu nutzen soll, Verwandten und Anverwandten optimale Geschenketips mit auf den Shoppingweg zu geben. Die Verwandten und Anverwandten freut diese Arbeitserleichterung ungemein.

Dieses Jahr nun soll es anders sein. Folgende Handlungsanweisung erhielt ich im kurzen Gespräch:

Wenn, und nur wenn jemand den Wunsch habe, ihr, der Pubertät, ein Weihnachtspräsent zukommen zu lassen und keine eigene Idee mitbringe, so solle derjenige das für diesen Anlass eingeplante Geld nehmen und stattdessen in ein soziales Projekt investieren.

Mein offensichtlich kapitalistisch durchseuchtes Mutterherz konnte diesen Wunsch nun gar nicht nachvollziehen und ich hielt dagegen, dass doch derjenige, der ihr ein Geschenk machen wolle, auch sie beschenken wolle. Keine sozialen Projekte. Möglich, meinte die Pubertät, aber das wäre ja nunmal ebenfalls ein Wunsch von ihr.

Seitdem grübel ich darüber nach, was mich daran eigentlich so aufgeregt hat und komme zu dem Schluss: es gibt keinen Grund. Meine Tochter wünscht sich eine bessere Welt und wer kann ihr das verdenken? Ich selbst ertrage Nachrichten nicht mehr und klammere mich an die bescheidene Hoffnung, dass das Unterzeichnen von online-Petitionen am Ende doch noch Frieden nach Aleppo bringt. Da ist die Pubertät bereits weiter. Sie will eine echte Tat vollbringen, tatsächlich mitwirken und nutzt die materiellen Werte unserer Gesellschaft. Und besonders schlau daran ist ja, dass sie sich nicht einfach Geld wünscht und dies dann an ein spezielles Projekt weiterleitet – nein! Sie will, dass der Schenkende die Spende selbst macht, sich also selbst mit dem Thema auseinander setzt. Auch hier hat die Pubertät bereits vorgeplant – wer in der Flut der Spendemöglichkeiten unterzugehen droht, kann sich vertrauensvoll an sie wenden, es gäbe da Zertifizierungen, die sie bereits recherchiert habe.

Und dann muss ich doch konstatieren, dass es einen Grund gibt, mich aufzuregen. Ich stelle nämlich fest, dass meine Tochter mich moralisch um Längen schlägt mit diesem Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit, den sie nicht als stummen Wunsch bewahrt, sondern einen Weg sucht mit ihren Mitteln wirklich etwas zu bewegen. Sie hat da eine Stärke, die ich selbst nicht habe. So wie sie seit Jahren, eigentlich bekennende Fleischliebhaberin, aus ethischen Gründen vegetarisch lebt. Und auch wenn ich davon ausgehen muss, sie in einigen Jahren in verdeckter Mission irgendwie aus einem arabischen Gefängnis befreien zu müssen, weil sie sich vermutlich als Femen-Aktivistin nackt an einen Luxuspalast in Dubai gekettet hat, unterstütze ich diese Stärke hier und heute:

wenn nur jeder die Hälfte des Geldes, welches er für den weihnachtlichen Wahnsinn jährlich ausgibt, in ein soziales Projekt dieser krisengeschüttelten Welt investieren würde (und man beachte bitte die Zertifikationen!) … dann würde doch tatsächlich etwas bewegt werden können. Heute also mal ein Aufruf! Der geteilt werden darf. Weil dieses unglaubliche Mädchen einfach Recht hat! Und Leute, sie ist 13!

Ach so… in eigener Sache: sollten sich Unterstützer für die arabische Mission finden, meldet Euch direkt bei mir. In diesem Fall ist eine langfristige Planung bestimmt sinnvoll.