Perspektivenwechsel

Alles, was die Jungs vom Wochenende erzählen, ist wahr.” Mit diesen Worten übergebe ich einen Montag Morgen, nach einem typischen Wochenende mit kompliziertem Verlauf, meine Brut der Erzieherin. Die nickt nur.

Weißt du, mein Freund hat seine Playmobilschwerter verloren Und die Kanonenkugel! Und mein Onkel ist ein echter Pilot und der kann fliegen wie der Dusty von Planes! Da bin ich mit dem Papa mitgeflogen und das war cool, denn ich bin ja noch nie geflogen., weißt du das? Die Polizistin, die wir besucht haben, hatte eine echte Pistole und die hat mir das Gefängnis gezeigt. Da sperren die Verbrecher und Räuber ein und die helfen auch Spuren zu finden. Dann kommt auch die Kriminalpolizei. Ich hab der Mama Entschuldigung gesagt, dass ich die Spur vom Auto weggewischt hab.”

Ich auch fliegt”, ergänzt der Terrorzwerg.

Die Pubertät wird vermutlich schlecht gelaunt in den Kreis der Peergroup treten und berichten, dass Familienausflüge ja grundsätzlich schon nerven, dieser aber besonders anstrengend und deshalb sowieso überflüssig war.

Und die Oma? Bereits überzeugte Bahnfahrerin kann sie spätestens jetzt versichern, dass die sicherste und bequemste Art des Reisens nur mit der BahnCard und dem Bärenticket zu erleben ist.

Der Göttergatte möchte bitte nicht darauf angesprochen werden.

Und ich? Ich habe Angst zu reisen. Mittlerweile bin ich doch zutiefst verunsichert. Zwei etwas entferntere Reiseziele in überschaubar zeitlichem Abstand und beide mit dezent tragischem Verlauf. Zu Besuch auf einer Hochzeit verließ uns die Kupplung unseres Gefährts, leider auf dem Weg Richtung Zugspitze. Also am Berg. Bis dahin hatte ich geglaubt, dass der Nichts-geht-mehr-Stau eine Stunde vor der Trauung mitten in den Bergen mit anschließender Serpentinenfahrt über Nebenwege der Tiefpunkt des ansonsten wirklich wunderbaren Wochenendes gewesen sei. Dort befand ich mich nämlich irgendwann schräg im VW-Bus stehend, um dem sich haltlos übergebenden Terrorzwerg irgendwie mit seinen Ausscheidungen zu assistieren, während ich den Göttergatten anschrie, keiner wolle sterben, um pünktlich bei der Hochzeit zu sein und der Mittlere wegen des Schauspiels am Nebenplatz permanent würgte. “Du kotzt jetzt nicht!” schrie ich und hörte Kichern von der Rückbank. Die Pubertät versuchte mit ihrer besten Freundin und einer guten Portion Humor der Situation freundlich zu begegnen.

Als wir mit nur wenigen Minuten Verspätung auf den Parkplatz der Kirche donnerten, riss die Pubertät die Schiebetür auf, sprang nebst Freundin ins Freie, während der Mittlere verkniffen heraushopste, um direkt in den nächsten Busch zu urinieren. Der Terrorzwerg war bereits nackt und wir fanden mit Mühe Shirt und Hose vom Vortag im Gepäck, um unser gespenstisch weiß anmutendes Kind wenigstens textil coloriert unter die Hochzeitgesellschaft zu mischen.

Was sollte da also noch kommen? Genau – eine veritable Panne. Am Berg. Mit vier Kindern 900 km von zu Hause entfernt und beruflichen Verpflichtungen, die eine sofortige Weiterreise nötig machten. Wir fuhren mit zwei Mietwagen zurück und eine Woche später kam unser Bus per Autotransport ebenfalls in die Heimat.

Nach diesem besonderen Erlebnis mit dem Süden machten wir uns wenige Wochen später auf in den Norden. Der große Bruder sollte zum runden Geburtstag überrascht werden. Alle drei Kinder ins Auto, Gepäck fürs Wochenende und die Oma obendrein. Und weil ich pragmatisch bin, beschloss ich die unbedingt notwendige Grabpflege im Norden direkt mit einzubauen. Liegt ja auf dem Weg. So waren wir sehr gut in der Zeit, als wir den Friedhof in Bremen erreichten. Mit allen Utensilien ausgerüstet machte ich mich auf zur Grabstätte und schickte den Rest der Familie ins nächstgelegene Café. Dass dies geschlossen hatte, erfuhr ich, als die ganze Sippe plötzlich ebenfalls auf dem Friedhof erschien.

Dass der Parkplatz des Friedhofs mittlerweile beliebter Ort für Autoeinbrüche ist, erfuhren wir alle, als wir zehn Minuten später zum Auto zurückkehrten. Die Beifahrerscheibe war eingeschlagen, die Tasche des Göttergatten, gedankenlos im hinteren Innenraum vergessen, war nebst aller Wertsachen und Papiere entwendet. Die alarmierte Polizei wollte gar nicht erst ausrücken, wir sollten zur nächstegelegen Wache kommen.

Die Anzeige schrieb sich recht fix, dieSpuren am Tatort interessierten niemanden und der Mittlere hatte die vom Einbrecher hinterlassenen Fussabdrücke an der Beifahrertür penibel entfernt – jedoch ließen die polizeibegeisterten Jungs es sich nicht entgehen, dass die freundliche Beamtin Ihnen die Gefängniszellen der Wache zeigte und einen Kurzvortrag zum Thema Spurenischerung hielt.

Danach war es leider so spät, dass sämtliche Werkstätten, die notdürftig Abhilfe für unsere scheibenfreie Sicht hätten schaffen können, bereits geschlossen hatten. War ja auch Samstag. Und nun bereits 16 Uhr – die Überraschungsfeier für den großen Bruder begann auch gerade. Hatte ich erwähnt, dass es Ende November war? Kalt ist es im November. So ganz ohne Scheibe. Vor allen Dingen, wenn sonntags über 400 km Rückfahrt geplant sind. Wir konnten im Baumarkt mit Hilfe einer erworbenen Plexiglasscheibe und einer japanischen Zugsäge, sowie einer ganzen Rolle Panzerband eine Alternative selber basteln. Dabei stritten der Göttergatte und ich zwischen den Baumarktregalen dermaßen laut und enthemmt, dass ein Mitarbeiter sich berufen fühlte, uns beim Einbau der selbst gebastelten Ersatzscheibe zu helfen. Vielleicht hatte er Angst, dass wir die Säge zweckentfremden und als Waffe gegen uns richten. Vielleicht liefen unter den Baumarktmitarbeitern  aber bereits Wetten über Sieger und Verlierer im stressbasierten Ehestreit.

Wir kamen irgendwann an auf der Überraschungsfeier… auch wenn das jetzt für uns wohl die größte Überraschung des Tages war.

Der große Bruder dankte uns mit Rundflügen über Norddeutschland am Folgetag. Die kleine Chartermaschine startete und landete so lange, bis jedes Familienmitglied seine Runde geflogen war. Die kleine Schwester brachte sogar ein Reisesouvenir mit, liebevoll eingepackt in einem kleinen flüssigkeitsundurchlässigen Papiertütchen. Nur ihre Gesichtsfarbe hatte sie irgendwo am Himmel gelassen.

Dass der große Bruder während meines Rundflugs, welchen ich gemeinsam mit dem Terrorzerg und der Pubertät bestritt, der Pubertät das Steuern der Maschine übertrug, ließ mein Blut zeitweise in den Adern gefrieren. Ich rief in mein Mikrofon, dass das nicht so eine gute Idee sei, dass sie ehrlich gesagt beim Fahrradfahren noch nicht ausreichend zuverlässig wäre und jetzt so mit der Verantwortung für unser aller Leben in einer Propellermaschine vielleicht nicht so gut umgehen könne. Möglicherweise sagte ich aber auch nur “URGS”, denn Pilot und Copilotin zeigten keine Reaktion. Der Terrorzwerg war unterdessen eingeschlafen.

Wochenendausflüge? Zu Hause ist es doch auch ganz schön!

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Logopädie?

Bitte nicht, denke ich, nachdem der Pädaudiologe mir versichert, dass Logopädie bei unserem schlecht hörenden und unverständlich sprechenden Terrorzwerg eine sinnvolle Maßnahme sei. “Um ihn sozial nicht auszugrenzen”, so die ärztliche Begründung. Ich möchte diese Einschätzung doch etwas in Zweifel ziehen. Unser Terrorzwerg verfügt nämlich über ein engelsgleiches Erscheinungsbild und verzückt durch charmantestes Mienenspiel unter blondem Schopf. Sein Vokabular aber ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er schimpft wie ein Rohrspatz, beleidigt die Mitglieder seiner Familie mit wüsten Ausdrücken und erfreut sich an allen Begriffen der Fäkalsprache. Außer uns kann das aber wegen des ausgeprägten Sprachfehlers niemand verstehen.

So zog ich heute erst mit ihm los, um unter dem Einsatz eines Bollerwagens Altpapiermassen zum Container zu transportieren. Keine Oma, die nicht vor Entzückung ergriffen stehen blieb beim Anblick des kleinen Schelms, der da mit seiner Mama das Wägelchen zog und dabei herzallerliebst auch noch ein kleines Liedchen schmetterte. Eindeutig ließ sich die Titelmusik von Bibi und Tina ausmachen. Und ja, ich gebe zu, dass er sich um Textfestigkeit bemühte. Aber es ist mir wirklich nicht bekannt, dass in einigen Textpassagen die Worte “Kacke,Pieselmann und Schnippi” vorkommen. Ich lauschte überrascht hin, denn eins muss man dem Nachwuchsstar der Wiener Sängerknaben lassen: melodisch blieb der Vortrag trotz freier Textinterpretation einwandfrei!

Was ist also zu tun? Lassen wir ihn lernen, sich deutlich und verständlich auszudrücken, kann das unmöglich seine höhere soziale Integration zur Folge haben. Vielleicht werden wir Eltern sozial mehr eingebunden, weil wir dann ständig im Kindergarten vorsprechen müssen und andere Eltern sich beschweren, dass unser Sohn ihren unbescholtenen Kindern Schimpfwörter und Fäkalsprache beibringt…. aber eine verbesserte soziale Einbindung des Terrorzwergs – ausgeschlossen!

Andererseits ist er wirklich schwer zu verstehen und auch seine Kernfamilie verzweifelt so manches Mal an Fehlinterpretatinen des Gesagten und löst damit emotionale Lawinen seitens des Unverstandenen aus, die meistens darin gipfeln, dass er familiäre Beziehungen pauschal aufkündigt. “Du kannst nie wieder meine Mutter sein! NIE WIEDER!”

Das möchte man ja auch nicht ständig hören. Und vielleicht ist hören ja das Stichwort – wenn wir unseren jüngsten Sproß schon nicht vollständig in die Welt der gut Hörenden bekommen, dann soll er doch wenigstens verständlich ausdrücken können, was ihn bewegt. Auch, wenn es Kackawurst ist. Anschließendes Tuscheln hinter seinem Rücken wird er schließlich nie mitbekommen.

Empfehlung des Tages

Eltern verlieren parallel zum Längenwachstum des Kindes über die Jahre ihre Kompetenzen. Oder ihre Einflußnahme. Oder beides. Bereits von laufenden Metern muss man sich anhören, dass man völlig im Unrecht mit seiner Weltanschauung sei, denn der Max aus dem Kindergarten, der hat es ganz anders erzählt. Und der muss es wissen, zählt er doch bereits zu den Schlaumeiern und steht somit so gut wie mit einem Zeh in der Grundschule.
Dr. Google ist auch so ein Miterzieher, der in unpassendsten Momenten dem Kind mitteilt, was es zu tun hat. Erstaunlicherweise hört das Kind auf Dr. Google – obwohl der gar keinen Strafenkatalog führt.
Und so passiert es, dass wir nach einem besonders anstrengenden Samstagnachmittagausflug später als geplant zu Hause einkehren, zwei mittelmäßig gelaunte, weil sehr müde Söhne im Schlepptau, als die schon etwas nervöse Stimme der zu Hause gebliebenen Pubertät über die Etagen verkündet, sie käme später runter, müsse erst noch duschen. Das spontane Duschen Heranwachsender zu jedweder Tages- und Nachtzeit hinterfragen wir nicht mehr, stattdessen konzentrieren wir uns auf das allabendliche Ritual des Zubettbringens der miesepetrigen Brüder. Spannend ist es, wer es schafft beim liebevoll gesummten Lalelu nicht selbst auf dem Bettvorleger zusammenzubrechen, denn der gefühlte Freizeitwert stellt sich doch erst ein, wenn man kurz nach der Tagesschau auf dem Sofa in traumlosen Schlaf fällt.
Dies ist mein Ziel, als ich erschöpft das Baby mittels Federwiege ins Schlummerland befördert habe. Ich erreiche das Sofa und bette meinen kraftlosen Körper so, dass einer sofortigen Ohnmacht nichts mehr im Wege steht.
“Ich hätte da etwas Inspiration für die Geschichten, die du immer über uns schreibst.”
Die Pubertät hat das Duschen beendet und wirkt auf den zweiten Blick erstaunlich ungeduscht. Sozusagen ziemlich zerzaust.
“Ich wollte gerade ohnmächtig werden, nichts schreiben”, entgegne ich mit halbgeschlossenen Augen.
“Ich habe eine Haarkur ausprobiert als ihr weg wart.”
“Na und?”
“Aus Bananen.”
“Du hast dir Bananen in die Haare geschmiert? Wie kommt man auf sowas?”
“Internet.”
Ich muss lachen – das ist natürlich die Falscheste aller möglichen Reaktionen und die Pubertät stürmt wutentbrannt davon. Dem Bananenduft folgend finde ich sie in ihrem Zimmer, wo die von Dr. Google empfohlene Haarkur eine Schneise der Zerstörung hinterlassen hat. Kleidung, Handtücher, Schränke, Boden, Wände – es existiert kein Quadratzentimeter ohne Bananenfasern und Stücke. Die Pubertät motzt unter Wuttränen, dass das nicht lustig sei und ich komme nicht umhin festzustellen, dass das leider unfassbar lustig ist und ich einfach nichts gegen das anhaltende Lachen machen kann. Dann werfe ich einen genaueren Blick auf das Haupthaar der Geschädigten. Es sieht, man kann es nicht anders sagen, so aus, als habe sich jemand darauf erbrochen. Bananenstücke unterschiedlicher Größe und Konsistenzen haben die Strähnen miteinander verwoben und schaffen einen einzigartigen Nestcharakter.
“War das eine Kur gegen schöne Haare?”
“Mann Mama!”
Die kommende Stunde verbringe ich damit, Bananenbrocken aus den Haaren zu kämmen und bin froh, nicht viel gegessen zu haben, zu quälend sind die Assoziationen. Ich erfahre, dass die besondere Konsistenz der Banane vielleicht auch auf die Zugabe eines nicht unerheblichen Anteils Honig zurückzuführen sein könnte.
Bis auf sehr anhängliche Kleinstfasern bin ich erfolgreich, stelle aber zuversichtlich fest, dass die sich bestimmt in den kommenden Wochen rauswaschen. Oder rauswachsen, wenn es suboptimal läuft.
Das bananige Durcheinander des Zimmers überlasse ich der Pubertät, denn ich möchte zweifelsfrei sicher stellen, dass die erlebte Läuterung möglichst lang nachwirkt.
Aber hier irre ich mich gewaltig. Nicht einmal zwölf Stunden später wird mich die Pubertät fragen, welche Naturkosmetik sie wohl als nächstes herstellen könne. Ich werde sie entsetzt fragen, ob sie dann gar nichts aus der Bananenkur gelernt habe und sie wird wahrheitsgemäß antworten:
“Nein.”

Ich sehe was, was du nichts siehst

Gerade dachte ich, wie wunderbar es wäre, der Frühling käme schön  – ich könnte die Wäsche im Freien aufhängen und hätte das Gefühl von erlebter Freizeit. Da läuft doch was falsch!

In unserer Familie bin ich die Spülmaschinenbeauftragte. Das ist eine elementar wichtige Position, die verantwortlich ist für das korrekte Befüllen des maschinellen Haushaltshelfers. Die anderen Familienmitglieder unterstützen die Ausübung der an meine Position geknüpften Tätigkeit durch vollständige Leugnung der Maschinenexistenz, indem sie benutztes Geschirr ausschließlich auf der Arbeitsplatte sammeln. Von da aus kann ich dann mehrmals am Tag sorgsam die Körbe füllen, natürlich erst nachdem ich das vom Geschirrspüler frisch gereinigte Geschirr an den ihm zugewiesenen Platz geräumt habe. Hiernach ist es mir eine Ehre, die Arbeitsplatte jedesmal von Neuem zu reinigen.

Es scheint ein Familienphänomen zu sein. Der Blick für bestimmt Dinge des Alltags ist unterschiedlich geschärft. Oder unterschiedlich gerichtet. Gänzlich blind kommt auch vor. Nehmen wir das sensible Thema Staub. Fünf Menschen, zwei Katzen und ein Hund bringen das ein oder andere Korn zusammen. Beliebte Orte kompletter Staubüberzüge sind die Bücherregale, sowie alle anderen folierten Preßspanmöbel des schwedischen Einrichtungshauses. Da ich als Spülmaschinenbeauftragte und offizielle Badputzerin, sowie Wäschereifachangestellte und mehr oder minder freiwillige Köchin in Haushaltsangelegenheiten durchaus Bescheid weiß, wird dem Göttergatten regelmäßig aufgetragen, doch mal eben Staub zu wischen und das Haus zu saugen. Es gab mal die Absprache, dass er Staubsaugerbeauftragter sein soll – aber die Position konnte er nicht lange halten, denn – wenn man seinen Ausführungen Glauben schenken will, ich störte seine Amtsschaft durch willkürliches Zwischendurchsaugen, weswegen er nur noch auf Antrag zum Sauger greift. Als Störenfried vom Dienst bemängel ich seitdem konsequent das Endergebnis seines Tuns. „Wieso ist denn hier noch das ganze Regal voller Staub?“ ist eine häufig bemühte Floskel meinerseits nachdem der Staubsauger wieder ordnungsgemäß verstaut ist. „Sollte ich auch Staub wischen?“ ist daraufhin die häufigste Gegenfrage des Göttergatten.

Wenn nun Staub wischen und Staub saugen immer einheitlich getan werden – ist es dann tatsächlich notwendig beide Tätigkeiten konkret als Auftrag zu formulieren?

Offensichtlich.

Übrigens auch nach Jahren des Zusammenlebens.

Und so gebe ich detailliert in Auftrag, was der Haushalt wünscht (es ist ein Trugschluss, dass die Frau hier herrisch diktiert – auch sie ist dem Diktator Haushalt lediglich Untertan): erst überall Staub wischen, dann saugen.

So einfach.

Und wie interessant, welch Unterschiede in den Ergebnissen vorherrschen. Bei mir, wie gesagt, wird das Mobilar vom grauen Mantel befreit. Der Göttergatte schwingt hier den Staubwedel nur lapidar, ereifert sich aber bei der Entstaubung aller Bilderrahmen an der Wand. Dies fällt vor allem dadurch auf, dass nach getaner Arbeit kein Bild mehr gerade an der Wand hängt.

Und jetzt ratet mal, wer hier im Haus professionelle Bildbegradigerin ist?

Weihnachten für Weltverbesserer – ein Exkurs

Die Pubertät plant gerne im Voraus. Also nicht immer – in Sachen Zimmerinstandhaltung vermag ich zumindestens keine unmittelbare Planung erkennen. Kürzlich jedenfalls erschien sie zu einem kurzen Gespräch, um mich zu informieren, welche weihnachtlichen Wünsche sich in diesem Jahr so angesammelt hätten. Wie jedes Jahr erstellt sie dabei eine Liste, die ich dazu nutzen soll, Verwandten und Anverwandten optimale Geschenketips mit auf den Shoppingweg zu geben. Die Verwandten und Anverwandten freut diese Arbeitserleichterung ungemein.

Dieses Jahr nun soll es anders sein. Folgende Handlungsanweisung erhielt ich im kurzen Gespräch:

Wenn, und nur wenn jemand den Wunsch habe, ihr, der Pubertät, ein Weihnachtspräsent zukommen zu lassen und keine eigene Idee mitbringe, so solle derjenige das für diesen Anlass eingeplante Geld nehmen und stattdessen in ein soziales Projekt investieren.

Mein offensichtlich kapitalistisch durchseuchtes Mutterherz konnte diesen Wunsch nun gar nicht nachvollziehen und ich hielt dagegen, dass doch derjenige, der ihr ein Geschenk machen wolle, auch sie beschenken wolle. Keine sozialen Projekte. Möglich, meinte die Pubertät, aber das wäre ja nunmal ebenfalls ein Wunsch von ihr.

Seitdem grübel ich darüber nach, was mich daran eigentlich so aufgeregt hat und komme zu dem Schluss: es gibt keinen Grund. Meine Tochter wünscht sich eine bessere Welt und wer kann ihr das verdenken? Ich selbst ertrage Nachrichten nicht mehr und klammere mich an die bescheidene Hoffnung, dass das Unterzeichnen von online-Petitionen am Ende doch noch Frieden nach Aleppo bringt. Da ist die Pubertät bereits weiter. Sie will eine echte Tat vollbringen, tatsächlich mitwirken und nutzt die materiellen Werte unserer Gesellschaft. Und besonders schlau daran ist ja, dass sie sich nicht einfach Geld wünscht und dies dann an ein spezielles Projekt weiterleitet – nein! Sie will, dass der Schenkende die Spende selbst macht, sich also selbst mit dem Thema auseinander setzt. Auch hier hat die Pubertät bereits vorgeplant – wer in der Flut der Spendemöglichkeiten unterzugehen droht, kann sich vertrauensvoll an sie wenden, es gäbe da Zertifizierungen, die sie bereits recherchiert habe.

Und dann muss ich doch konstatieren, dass es einen Grund gibt, mich aufzuregen. Ich stelle nämlich fest, dass meine Tochter mich moralisch um Längen schlägt mit diesem Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit, den sie nicht als stummen Wunsch bewahrt, sondern einen Weg sucht mit ihren Mitteln wirklich etwas zu bewegen. Sie hat da eine Stärke, die ich selbst nicht habe. So wie sie seit Jahren, eigentlich bekennende Fleischliebhaberin, aus ethischen Gründen vegetarisch lebt. Und auch wenn ich davon ausgehen muss, sie in einigen Jahren in verdeckter Mission irgendwie aus einem arabischen Gefängnis befreien zu müssen, weil sie sich vermutlich als Femen-Aktivistin nackt an einen Luxuspalast in Dubai gekettet hat, unterstütze ich diese Stärke hier und heute:

wenn nur jeder die Hälfte des Geldes, welches er für den weihnachtlichen Wahnsinn jährlich ausgibt, in ein soziales Projekt dieser krisengeschüttelten Welt investieren würde (und man beachte bitte die Zertifikationen!) … dann würde doch tatsächlich etwas bewegt werden können. Heute also mal ein Aufruf! Der geteilt werden darf. Weil dieses unglaubliche Mädchen einfach Recht hat! Und Leute, sie ist 13!

Ach so… in eigener Sache: sollten sich Unterstützer für die arabische Mission finden, meldet Euch direkt bei mir. In diesem Fall ist eine langfristige Planung bestimmt sinnvoll.

Mahlzeit!

Die Qualität des Familienlebens, so kann man es bald überall nachlesen, ist nahezu ausschließlich von dem gemeinsamen Beisammensein am Eßtisch abhängig. In gemütlicher Runde nehmen Kinder und Eltern die zuvor liebevoll zubereiteten, biologisch geprüften Zutaten zu sich, tauschen die Erlebnisse des Tages aus, planen den nächsten Familienausflug und machen Vorschläge für den anstehenden Spieleabend.

Das soziale, rituelle Miteinander als Basis für harmonisches Zusammenleben – welch schöne Idee. Ich möchte das auch!

Deshalb kehre ich Tag für Tag nach einem achtstündigen Außeneinsatz in der Arbeitswelt in den Schoß der Familie zurück, sichte die vorhandenen Lebensmittel und überlege, was man daraus wohl zusammenstellen könnte. Das allein reicht ja schon, um meine Laune in den Keller zu treiben, denn Kochen, ich gebe es zu, rangiert in meiner Hitliste der Leidenschaften irgendwo zwischen Platz 1876 und 2319. Eingedenk der familiären Harmonie beschließe ich dann aber doch, mich an eines der acht Standardrezepte zu wagen und weil natürlich drei entscheidende Zutaten fehlen, schnappe ich mir den Terrorzwerg, damit der bei einem kurzen Einkauf davon abgelenkt wird, dass er offenkundig bereits den Hungertod stirbt. Der Hund muss auch nochmal raus, da läßt sich der Einkauf direkt mit einem Schlenker in den Park verbinden. Der Göttergatte hat jetzt ausreichend Zeit, mal eben durchs Haus zu saugen und die Pubertät könnte doch auch den Tisch schnell decken. Der Mittlere muss nichts weiter tun, als nichts, denn damit wäre der Schadensbegrenzung ausreichend Rechnung getragen.

Im Park tobt der Terrorzwerg, weil er unbedingt aus dem Buggy heraus will, was ich aber wegen der knapp bemessenen Ressource “Zeit” nicht ermöglichen kann. Am Einkaufsladen tobt dann der Hund, weil er unter keinen Umständen draußen angebunden warten möchte, was aber wegen der strengen Hygienerichtlinien des Supermarktes unumgänglich ist. “Wurst”, brüllt der Terrorzwerg und “Meins!” und “Raus!”, bis ich endlich zwei der drei notwendigen Zutaten beisammen habe, die dritte lasse ich zusammen mit den kopfschüttelnden Mitarbeiterinnen und Kunden im Laden zurück, was mir aber erst zu Hause auffallen wird.

Der Hund ist mittlerweile grenzhysterisch und ich erreiche naßgeschwitzt mit kläffendem Köter und brüllendem Kleinkind unser Haus. Dort finde ich den Göttergatten schlafend in der Hängematte, während der Mittlere im ungesaugten Haus alle Spielzeugkörbe ausgeleert hat. Der Eßtisch ist zwar ansehnlich geschmückt, aber unter dem Malpapier, Trinkhalmen, Büchern und Kleidungsstücken, vermag ich kein Besteck oder gar Teller zu finden.

Ich läute den gemeinsamen, harmonischen Familienabend mit einem zornentbrannten Wutgebrüll ein und ziehe mich in die Küche zurück, während die restlichen Familienmitglieder stumm, aber auch irgendwie demonstrativ genervt Laufschneisen in die Verwüstungen graben. Die Pubertät bemerkt noch, dass man einen Tisch erst decken müßte, wenn das Essen fertig sei, nicht davor schon und schiebt lieblos Bücher, Kleidung, und Trinkhalme unters Malpapier, während der Terrorzwerg Hungerrufe an mich richtend am sicherheitshalber im Durchbruch angebrachten Türgitter rüttelt.

Dann ist es geschafft. Das Essen ist fertig, die zwei Portionen für die jüngsten Familienmitglieder sind bereits seit fünf Minuten zum Auskühlen fertig portioniert und ich konnte sogar die größeren Schäden, die ich beim Kochen anzurichten pflege, näherungsweise beseitigen.

Essen ist fertig”, rufe ich motiviert und der Terrorzwerg stürmt jubelnd herbei.

Ich mag das nicht”, quengelt der Mittlere mit Eintreffen im Wohnzimmer und ohne gesehen zu haben, was es gibt.

Kein Fleisch?” fragt der Göttergatte und beginnt einen lauten Streit mit dem Terrorzwerg über die Notwendigkeit des Tragens eines Lätzchens.

Die Pubertät gesellt sich nach dem vierten Aufruf endlich auch zu uns.

Als ich gerade anfangen will, den sozialen Teil des Abends endlich einzuläuten, befindet der Terrorzwerg sein Essen als noch deutlich zu heiß und schmeißt seine ganze Schüssel beherzt quer über den Eßtisch. Der Mittlere bricht in haltloses Lachen aus, der Göttergatte schreit, Werfen und Lachen seien verboten.

Wie war dein Tag?” wende ich mich stoisch an die Pubertät, die gar nicht daran denkt, Einzelheiten ihres Lebens ausgerechnet mit ihrer Mutter zu teilen. “Ganz gut”, ist deshalb alles, was sie mir diesbezüglich zu sagen hat.

Und bei dir so?” frage ich den Mittleren, der nach der väterlichen Ansage lieber mit dem Lachen aufgehört hat.

Nix.”

Wie war es denn im Kindergarten?”

Nicht so schön.”

Warum?”

Weiß nicht.”

Hast du nichts gespielt?”

Nein.”

Was gab es zu essen?” frage ich dann mit Blick auf seine lediglich zusammengematschte Mahlzeit.

Nichts”, erwidert er ungerührt.

Der Terrorzwerg hat derweil begonnen, trotz Löffel und Gabel in je einer Hand, Essen mit den Fingern in sich reinzustopfen, immerhin mit Appetit, weswegen man ihn nicht in seinem Treiben unterbrechen mag. Bereits auf die Aufforderung, er solle doch vor dem Schlucken erst einmal kauen, reagiert er mit einer geknurrten Grundaggressivität.

Ich muss noch lernen”, vermeldet die Pubertät und entschwindet, kaum dass sie den letzten Bissen heruntergeschluckt hat und der Mittlere meint, er wolle jetzte auch lieber wieder spielen gehen. Der Terrorzwerg fordert die mittlerweile dritte Portion ein, wobei sich größere Anteile seiner Mahlzeit auf, unter und vermutlich sogar im Tisch befinden.

Der Göttergatte und ich entscheiden per Schnick-Schnack-Schnuck, wer die Hinterlassenschaften aufräumt und wer die Kinder fürs Zubettgehen präpariert – ein Spiel ohne Sieger.

Vielleicht stellt sie sich ja morgen ein, diese Harmonie. Wir versuchen es jedenfalls weiter.

Bazillen – wenn aus Familienmitgliedern Feinde werden

Ich hab Bauchweh. Ich glaube, ich hab Hagendagen!”

Eine kurze Information am Mittagstisch durch unseren Mittleren, die sofortiges Abrücken aller besetzten Stühle zur Folge hat. Nur wer bereits ein Mal erlebt hat, wie man als Familie durch einen Magen-Darm-Keim kurz vor der Auslöschung stand, kann die feindliche Haltung gegenüber einem potentiellen Keimüberträger nachvollziehen – auch wenn es sich um das eigene, ansonsten durchaus geliebte Kind handelt.

Uns hat es seit dem Jahreswechsel so heftig erwischt, dass ich annehmen muss in eine Testreihe für biologische Waffen geraten zu sein. Kaum waren die Weihnachtstage überstanden, demonstrierte uns der Terrorzwerg die verspeisten Festtagsgerichte in umgekehrter Reihenfolge. Innerhalb kürzester Zeit gab es keine stofflichen Anteile in unserem Haus, die nicht der Waschmaschine zugeführt werden mußten. Bis heute ist es mir dabei ein unbegreifliches Rätsel, wie man es fertig bringt, sich in einem ja immerhin fast vier Quadratmeter großen Doppelbett ausgerechnet so zu übergeben, dass beide Matratzen bis auf den Schaumstoffkern abgezogen werden müssen und inklusive aller Decken und Kissen chemischer Aufbereitung bedürfen. Und das in drei aufeinander folgenden Nächten!

Allen eindämmenden Bemühungen zum Trotz konnten wir die Ansteckung nicht verhindern. Zwölf Stunden nach den Erstsymptomen fiel erst der Mittlere, vierundzwanzig Stunden später der Göttergatte, weitere zwölf Stunden später meine Wenigkeit. Am Ende konnte nicht einmal der Hund eine Ansteckung vereiteln. Allein die Pubertät entkam dem ersten Angriff, denn sie verbrachte ihre Weihnachtsferien in Sicherheit, also weit weg von ihrer bazillendurchseuchten Sippschaft.

Das letzte Stück Stoff des Hauses war noch nicht getrocknet, als der Terrorzwerg die zweite Runde Hagendagen eröffnete. Gut, die Sylvesterpläne waren damit gesetzt.

Dieses Mal aber entkamen die anderen Familienmitglieder dem Angriff aus ihrer Mitte. Selbst die mittlerweile in den Schoß ihrer Lieben zurückgekehrte Pubertät durfte sich noch in Sicherheit wiegen. Und so starteten wir ins neue Jahr mit weiterhin unbezwingbaren Wäschebergen und ganz viel Optimismus. Zwei Seuchen in kürzester Zeit sollten doch ausreichen, um die familiäre Krankheitsstatistik ausreichend zu erfüllen.

Aber da hatten wir die Rechnung ohne die neue Jahresstatistik gemacht – zur Erfüllung derselben übergab sich der Terrorzwerg aufs frisch bezogene Sofa. Wenige Stunden später kehrte die Pubertät leichenblass und von schwerer Krankheit sichtlich gezeichnet von einem Friseurbesuch zurück. Dort, so berichtet sie unter Qualen, habe nun auch sie das Familienschicksal ereilt. Kaum war die Schere angesetzt, fühlte sie ein gewisses Unwohlsein, welches sich minütlich steigerte. Dann, bei einer zur besseren Schneidetechnik vollführten Kopfbeugung sei es dann passiert, unter keinen Umständen habe sie das Unaufhaltsame unterdrücken können. Dank des Kittels blieb die eigene Kleidung unverschmutzt und die Haare wurden einfach direkt nochmal gewaschen. Wie auch das gesamte Interieur des Friseursalons, den wir nun, so beschwor uns die Pubertät bitte nie wieder betreten sollten.

Seit diesem beachtlichen Finale scheinen wir gewisse Resistenzen gegen Keime der Hagendagenfamilie gebildet zu haben. Dies gilt aber nicht für sämtliche Viren und Bakterienstämme der großen Familie aller Erkältungserkrankungen. Nahtlos haben wir hier Anschluss gefunden und befinden uns in abwechselnder Besetzung im Temperaturwettstreit. Aktuell führt der Mittlere mit einer vierziger Punktlandung. Nicht ganz ohne Stolz darf ich aber behaupten, dass meine Keime resistent sind und mittlerweile das bereits zweite Antibiotikum kümmerlich versagt – das gibt Sonderpunkte.

Und auch bei unserer Lieblingsfriseurin haben wir uns mit Hilfe einer selbst gebastelten Karte entschuldigt. Die Pubertät war so freundlich, hierzu eine Kotztüte von ihrem letzten Flug beizusteuern. Den Beteuerungen unserer Lieblingsfriseurin, sowas könne doch jedem mal passieren, steht sie aber skeptisch gegenüber:

Jedem kann das passieren? Ja klar, wer kennt es nicht! Mega Alltag, wenn man beim Friseur alles vollgöbelt. Ist nicht witzig, Mama!”