Empfehlung des Tages

Eltern verlieren parallel zum Längenwachstum des Kindes über die Jahre ihre Kompetenzen. Oder ihre Einflußnahme. Oder beides. Bereits von laufenden Metern muss man sich anhören, dass man völlig im Unrecht mit seiner Weltanschauung sei, denn der Max aus dem Kindergarten, der hat es ganz anders erzählt. Und der muss es wissen, zählt er doch bereits zu den Schlaumeiern und steht somit so gut wie mit einem Zeh in der Grundschule.
Dr. Google ist auch so ein Miterzieher, der in unpassendsten Momenten dem Kind mitteilt, was es zu tun hat. Erstaunlicherweise hört das Kind auf Dr. Google – obwohl der gar keinen Strafenkatalog führt.
Und so passiert es, dass wir nach einem besonders anstrengenden Samstagnachmittagausflug später als geplant zu Hause einkehren, zwei mittelmäßig gelaunte, weil sehr müde Söhne im Schlepptau, als die schon etwas nervöse Stimme der zu Hause gebliebenen Pubertät über die Etagen verkündet, sie käme später runter, müsse erst noch duschen. Das spontane Duschen Heranwachsender zu jedweder Tages- und Nachtzeit hinterfragen wir nicht mehr, stattdessen konzentrieren wir uns auf das allabendliche Ritual des Zubettbringens der miesepetrigen Brüder. Spannend ist es, wer er schafft beim liebevoll gesummten Lalelu nicht selbst auf dem Bettvorleger zusammenzubrechen, denn der gefühlte Freizeitwert stellt sich doch erst ein, wenn man kurz nach der Tagesschau auf dem Sofa in traumlosen Schlaf fällt.
Dies ist mein Ziel, als ich erschöpft das Baby mittels Federwiege ins Schlummerland befördert habe. Ich erreiche das Sofa und bette meinen kraftlosen Körper so, dass einer sofortigen Ohnmacht nichts mehr im Wege steht.
“Ich hätte da etwas Inspiration für die Geschichten, die du immer über uns schreibst.”
Die Pubertät hat das Duschen beendet und wirkt auf den zweiten Blick erstaunlich ungeduscht. Sozusagen ziemlich zerzaust.
“Ich wollte gerade ohnmächtig werden, nichts schreiben”, entgegne ich mit halbgeschlossenen Augen.
“Ich habe eine Haarkur ausprobiert als ihr weg wart.”
“Na und?”
“Aus Bananen.”
“Du hast dir Bananen in die Haare geschmiert? Wie kommt man auf sowas?”
“Internet.”
Ich muss lachen – das ist natürlich die Falscheste aller möglichen Reaktionen und die Pubertät stürmt wutentbrannt davon. Dem Bananenduft folgend finde ich sie in ihrem Zimmer, wo die von Dr. Google empfohlene Haarkur eine Schneise der Zerstörung hinterlassen hat. Kleidung, Handtücher, Schränke, Boden, Wände – es existiert kein Quadratzentimeter ohne Bananenfasern und Stücke. Die Pubertät motzt unter Wuttränen, dass das nicht lustig sei und ich komme nicht umhin festzustellen, dass das leider unfassbar lustig ist und ich einfach nichts gegen das anhaltende Lachen machen kann. Dann werfe ich einen genaueren Blick auf das Haupthaar der Geschädigten. Es sieht, man kann es nicht anders sagen, so aus, als habe sich jemand darauf erbrochen. Bananenstücke unterschiedlicher Größe und Konsistenzen haben die Strähnen miteinander verwoben und schaffen einen einzigartigen Nestcharakter.
“War das eine Kur gegen schöne Haare?”
“Mann Mama!”
Die kommende Stunde verbringe ich damit, Bananenbrocken aus den Haaren zu kämmen und bin froh, nicht viel gegessen zu haben, zu quälend sind die Assoziationen. Ich erfahre, dass die besondere Konsistenz der Banane vielleicht auch auf die Zugabe eines nicht unerheblichen Anteils Honig zurückzuführen sein könnte.
Bis auf sehr anhängliche Kleinstfasern bin ich erfolgreich, stelle aber zuversichtlich fest, dass die sich bestimmt in den kommenden Wochen rauswaschen. Oder rauswachsen, wenn es suboptimal läuft.
Das bananige Durcheinander des Zimmers überlasse ich der Pubertät, denn ich möchte zweifelsfrei sicher stellen, dass die erlebte Läuterung möglichst lang nachwirkt.
Aber hier irre ich mich gewaltig. Nicht einmal zwölf Stunden später wird mich die Pubertät fragen, welche Naturkosmetik sie wohl als nächstes herstellen könne. Ich werde sie entsetzt fragen, ob sie dann gar nichts aus der Bananenkur gelernt habe und sie wird wahrheitsgemäß antworten:
“Nein.”

Ich sehe was, was du nichts siehst

Gerade dachte ich, wie wunderbar es wäre, der Frühling käme schön  – ich könnte die Wäsche im Freien aufhängen und hätte das Gefühl von erlebter Freizeit. Da läuft doch was falsch!

In unserer Familie bin ich die Spülmaschinenbeauftragte. Das ist eine elementar wichtige Position, die verantwortlich ist für das korrekte Befüllen des maschinellen Haushaltshelfers. Die anderen Familienmitglieder unterstützen die Ausübung der an meine Position geknüpften Tätigkeit durch vollständige Leugnung der Maschinenexistenz, indem sie benutztes Geschirr ausschließlich auf der Arbeitsplatte sammeln. Von da aus kann ich dann mehrmals am Tag sorgsam die Körbe füllen, natürlich erst nachdem ich das vom Geschirrspüler frisch gereinigte Geschirr an den ihm zugewiesenen Platz geräumt habe. Hiernach ist es mir eine Ehre, die Arbeitsplatte jedesmal von Neuem zu reinigen.

Es scheint ein Familienphänomen zu sein. Der Blick für bestimmt Dinge des Alltags ist unterschiedlich geschärft. Oder unterschiedlich gerichtet. Gänzlich blind kommt auch vor. Nehmen wir das sensible Thema Staub. Fünf Menschen, zwei Katzen und ein Hund bringen das ein oder andere Korn zusammen. Beliebte Orte kompletter Staubüberzüge sind die Bücherregale, sowie alle anderen folierten Preßspanmöbel des schwedischen Einrichtungshauses. Da ich als Spülmaschinenbeauftragte und offizielle Badputzerin, sowie Wäschereifachangestellte und mehr oder minder freiwillige Köchin in Haushaltsangelegenheiten durchaus Bescheid weiß, wird dem Göttergatten regelmäßig aufgetragen, doch mal eben Staub zu wischen und das Haus zu saugen. Es gab mal die Absprache, dass er Staubsaugerbeauftragter sein soll – aber die Position konnte er nicht lange halten, denn – wenn man seinen Ausführungen Glauben schenken will, ich störte seine Amtsschaft durch willkürliches Zwischendurchsaugen, weswegen er nur noch auf Antrag zum Sauger greift. Als Störenfried vom Dienst bemängel ich seitdem konsequent das Endergebnis seines Tuns. „Wieso ist denn hier noch das ganze Regal voller Staub?“ ist eine häufig bemühte Floskel meinerseits nachdem der Staubsauger wieder ordnungsgemäß verstaut ist. „Sollte ich auch Staub wischen?“ ist daraufhin die häufigste Gegenfrage des Göttergatten.

Wenn nun Staub wischen und Staub saugen immer einheitlich getan werden – ist es dann tatsächlich notwendig beide Tätigkeiten konkret als Auftrag zu formulieren?

Offensichtlich.

Übrigens auch nach Jahren des Zusammenlebens.

Und so gebe ich detailliert in Auftrag, was der Haushalt wünscht (es ist ein Trugschluss, dass die Frau hier herrisch diktiert – auch sie ist dem Diktator Haushalt lediglich Untertan): erst überall Staub wischen, dann saugen.

So einfach.

Und wie interessant, welch Unterschiede in den Ergebnissen vorherrschen. Bei mir, wie gesagt, wird das Mobilar vom grauen Mantel befreit. Der Göttergatte schwingt hier den Staubwedel nur lapidar, ereifert sich aber bei der Entstaubung aller Bilderrahmen an der Wand. Dies fällt vor allem dadurch auf, dass nach getaner Arbeit kein Bild mehr gerade an der Wand hängt.

Und jetzt ratet mal, wer hier im Haus professionelle Bildbegradigerin ist?

Weihnachten für Weltverbesserer – ein Exkurs

Die Pubertät plant gerne im Voraus. Also nicht immer – in Sachen Zimmerinstandhaltung vermag ich zumindestens keine unmittelbare Planung erkennen. Kürzlich jedenfalls erschien sie zu einem kurzen Gespräch, um mich zu informieren, welche weihnachtlichen Wünsche sich in diesem Jahr so angesammelt hätten. Wie jedes Jahr erstellt sie dabei eine Liste, die ich dazu nutzen soll, Verwandten und Anverwandten optimale Geschenketips mit auf den Shoppingweg zu geben. Die Verwandten und Anverwandten freut diese Arbeitserleichterung ungemein.

Dieses Jahr nun soll es anders sein. Folgende Handlungsanweisung erhielt ich im kurzen Gespräch:

Wenn, und nur wenn jemand den Wunsch habe, ihr, der Pubertät, ein Weihnachtspräsent zukommen zu lassen und keine eigene Idee mitbringe, so solle derjenige das für diesen Anlass eingeplante Geld nehmen und stattdessen in ein soziales Projekt investieren.

Mein offensichtlich kapitalistisch durchseuchtes Mutterherz konnte diesen Wunsch nun gar nicht nachvollziehen und ich hielt dagegen, dass doch derjenige, der ihr ein Geschenk machen wolle, auch sie beschenken wolle. Keine sozialen Projekte. Möglich, meinte die Pubertät, aber das wäre ja nunmal ebenfalls ein Wunsch von ihr.

Seitdem grübel ich darüber nach, was mich daran eigentlich so aufgeregt hat und komme zu dem Schluss: es gibt keinen Grund. Meine Tochter wünscht sich eine bessere Welt und wer kann ihr das verdenken? Ich selbst ertrage Nachrichten nicht mehr und klammere mich an die bescheidene Hoffnung, dass das Unterzeichnen von online-Petitionen am Ende doch noch Frieden nach Aleppo bringt. Da ist die Pubertät bereits weiter. Sie will eine echte Tat vollbringen, tatsächlich mitwirken und nutzt die materiellen Werte unserer Gesellschaft. Und besonders schlau daran ist ja, dass sie sich nicht einfach Geld wünscht und dies dann an ein spezielles Projekt weiterleitet – nein! Sie will, dass der Schenkende die Spende selbst macht, sich also selbst mit dem Thema auseinander setzt. Auch hier hat die Pubertät bereits vorgeplant – wer in der Flut der Spendemöglichkeiten unterzugehen droht, kann sich vertrauensvoll an sie wenden, es gäbe da Zertifizierungen, die sie bereits recherchiert habe.

Und dann muss ich doch konstatieren, dass es einen Grund gibt, mich aufzuregen. Ich stelle nämlich fest, dass meine Tochter mich moralisch um Längen schlägt mit diesem Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit, den sie nicht als stummen Wunsch bewahrt, sondern einen Weg sucht mit ihren Mitteln wirklich etwas zu bewegen. Sie hat da eine Stärke, die ich selbst nicht habe. So wie sie seit Jahren, eigentlich bekennende Fleischliebhaberin, aus ethischen Gründen vegetarisch lebt. Und auch wenn ich davon ausgehen muss, sie in einigen Jahren in verdeckter Mission irgendwie aus einem arabischen Gefängnis befreien zu müssen, weil sie sich vermutlich als Femen-Aktivistin nackt an einen Luxuspalast in Dubai gekettet hat, unterstütze ich diese Stärke hier und heute:

wenn nur jeder die Hälfte des Geldes, welches er für den weihnachtlichen Wahnsinn jährlich ausgibt, in ein soziales Projekt dieser krisengeschüttelten Welt investieren würde (und man beachte bitte die Zertifikationen!) … dann würde doch tatsächlich etwas bewegt werden können. Heute also mal ein Aufruf! Der geteilt werden darf. Weil dieses unglaubliche Mädchen einfach Recht hat! Und Leute, sie ist 13!

Ach so… in eigener Sache: sollten sich Unterstützer für die arabische Mission finden, meldet Euch direkt bei mir. In diesem Fall ist eine langfristige Planung bestimmt sinnvoll.

Mahlzeit!

Die Qualität des Familienlebens, so kann man es bald überall nachlesen, ist nahezu ausschließlich von dem gemeinsamen Beisammensein am Eßtisch abhängig. In gemütlicher Runde nehmen Kinder und Eltern die zuvor liebevoll zubereiteten, biologisch geprüften Zutaten zu sich, tauschen die Erlebnisse des Tages aus, planen den nächsten Familienausflug und machen Vorschläge für den anstehenden Spieleabend.

Das soziale, rituelle Miteinander als Basis für harmonisches Zusammenleben – welche schöne Idee. Ich möchte das auch!

Deshalb kehre ich Tag für Tag nach einem achtstündigen Außeneinsatz in der Arbeitswelt in den Schoß der Familie zurück, sichte die vorhandenen Lebensmittel und überlege, was man daraus wohl zusammenstellen könnte. Das allein reicht ja schon, um meine Laune in den Keller zu treiben, denn Kochen, ich gebe es zu, rangiert in meiner Hitliste der Leidenschaften irgendwo zwischen Platz 1876 und 2319. Eingedenk der familiären Harmonie beschließe ich dann aber doch, mich an eines der acht Standardrezepte zu wagen und weil natürlich drei entscheidende Zutaten fehlen, schnappe ich mir den Terrorzwerg, damit der bei einem kurzen Einkauf davon abgelenkt wird, dass er offenkundig bereits den Hungertod stirbt. Der Hund muss auch nochmal raus, da läßt sich der Einkauf direkt mit einem Schlenker in den Park verbinden. Der Göttergatte hat jetzt ausreichend Zeit, mal eben durchs Haus zu saugen und die Pubertät könnte doch auch den Tisch schnell decken. Der Mittlere muss nichts weiter tun, als nichts, denn damit wäre der Schadensbegrenzung ausreichend Rechnung getragen.

Im Park tobt der Terrorzwerg, weil er unbedingt aus dem Buggy heraus will, was ich aber wegen der knapp bemessenen Ressource “Zeit” nicht ermöglichen kann. Am Einkaufsladen tobt dann der Hund, weil er unter keinen Umständen draußen angebunden warten möchte, was aber wegen der strengen Hygienerichtlinien des Supermarktes unumgänglich ist. “Wurst”, brüllt der Terrorzwerg und “Meins!” und “Raus!”, bis ich endlich zwei der drei notwendigen Zutaten beisammen habe, die dritte lasse ich zusammen mit den kopfschüttelnden Mitarbeiterinnen und Kunden im Laden zurück, was mir aber erst zu Hause auffallen wird.

Der Hund ist mittlerweile grenzhysterisch und ich erreiche naßgeschwitzt mit kläffendem Köter und brüllendem Kleinkind unser Haus. Dort finde ich den Göttergatten schlafend in der Hängematte, während der Mittlere im ungesaugten Haus alle Spielzeugkörbe ausgeleert hat. Der Eßtisch ist zwar ansehnlich geschmückt, aber unter dem Malpapier, Trinkhalmen, Büchern und Kleidungsstücken, vermag ich kein Besteck oder gar Teller zu finden.

Ich läute den gemeinsamen, harmonischen Familienabend mit einem zornentbrannten Wutgebrüll ein und ziehe mich in die Küche zurück, während die restlichen Familienmitglieder stumm, aber auch irgendwie demonstrativ genervt Laufschneisen in die Verwüstungen graben. Die Pubertät bemerkt noch, dass man einen Tisch erst decken müßte, wenn das Essen fertig sei, nicht davor schon und schiebt lieblos Bücher, Kleidung, und Trinkhalme unters Malpapier, während der Terrorzwerg Hungerrufe an mich richtend am sicherheitshalber im Durchbruch angebrachten Türgitter rüttelt.

Dann ist es geschafft. Das Essen ist fertig, die zwei Portionen für die jüngsten Familienmitglieder sind bereits seit fünf Minuten zum Auskühlen fertig portioniert und ich konnte sogar die größeren Schäden, die ich beim Kochen anzurichten pflege, näherungsweise beseitigen.

Essen ist fertig”, rufe ich motiviert und der Terrorzwerg stürmt jubelnd herbei.

Ich mag das nicht”, quengelt der Mittlere mit Eintreffen im Wohnzimmer und ohne gesehen zu haben, was es gibt.

Kein Fleisch?” fragt der Göttergatte und beginnt einen lauten Streit mit dem Terrorzwerg über die Notwendigkeit des Tragens eines Lätzchens.

Die Pubertät gesellt sich nach dem vierten Aufruf endlich auch zu uns.

Als ich gerade anfangen will, den sozialen Teil des Abends endlich einzuläuten, befindet der Terrorzwerg sein Essen als noch deutlich zu heiß und schmeißt seine ganze Schüssel beherzt quer über den Eßtisch. Der Mittlere bricht in haltloses Lachen aus, der Göttergatte schreit, Werfen und Lachen seien verboten.

Wie war dein Tag?” wende ich mich stoisch an die Pubertät, die gar nicht daran denkt, Einzelheiten ihres Lebens ausgerechnet mit ihrer Mutter zu teilen. “Ganz gut”, ist deshalb alles, was sie mir diesbezüglich zu sagen hat.

Und bei dir so?” frage ich den Mittleren, der nach der väterlichen Ansage lieber mit dem Lachen aufgehört hat.

Nix.”

Wie war es denn im Kindergarten?”

Nicht so schön.”

Warum?”

Weiß nicht.”

Hast du nichts gespielt?”

Nein.”

Was gab es zu essen?” frage ich dann mit Blick auf seine lediglich zusammengematschte Mahlzeit.

Nichts”, erwidert er ungerührt.

Der Terrorzwerg hat derweil begonnen, trotz Löffel und Gabel in je einer Hand, Essen mit den Fingern in sich reinzustopfen, immerhin mit Appetit, weswegen man ihn nicht in seinem Treiben unterbrechen mag. Bereits auf die Aufforderung, er solle doch vor dem Schlucken erst einmal kauen, reagiert er mit einer geknurrten Grundaggressivität.

Ich muss noch lernen”, vermeldet die Pubertät und entschwindet, kaum dass sie den letzten Bissen heruntergeschluckt hat und der Mittlere meint, er wolle jetzte auch lieber wieder spielen gehen. Der Terrorzwerg fordert die mittlerweile dritte Portion ein, wobei sich größere Anteile seiner Mahlzeit auf, unter und vermutlich sogar im Tisch befinden.

Der Göttergatte und ich entscheiden per Schnick-Schnack-Schnuck, wer die Hinterlassenschaften aufräumt und wer die Kinder fürs Zubettgehen präpariert – ein Spiel ohne Sieger.

Vielleicht stellt sie sich ja morgen ein, diese Harmonie. Wir versuchen es jedenfalls weiter.

Bazillen – wenn aus Familienmitgliedern Feinde werden

Ich hab Bauchweh. Ich glaube, ich hab Hagendagen!”

Eine kurze Information am Mittagstisch durch unseren Mittleren, die sofortiges Abrücken aller besetzten Stühle zur Folge hat. Nur wer bereits ein Mal erlebt hat, wie man als Familie durch einen Magen-Darm-Keim kurz vor der Auslöschung stand, kann die feindliche Haltung gegenüber einem potentiellen Keimüberträger nachvollziehen – auch wenn es sich um das eigene, ansonsten durchaus geliebte Kind handelt.

Uns hat es seit dem Jahreswechsel so heftig erwischt, dass ich annehmen muss in eine Testreihe für biologische Waffen geraten zu sein. Kaum waren die Weihnachtstage überstanden, demonstrierte uns der Terrorzwerg die verspeisten Festtagsgerichte in umgekehrter Reihenfolge. Innerhalb kürzester Zeit gab es keine stofflichen Anteile in unserem Haus, die nicht der Waschmaschine zugeführt werden mußten. Bis heute ist es mir dabei ein unbegreifliches Rätsel, wie man es fertig bringt, sich in einem ja immerhin fast vier Quadratmeter großen Doppelbett ausgerechnet so zu übergeben, dass beide Matratzen bis auf den Schaumstoffkern abgezogen werden müssen und inklusive aller Decken und Kissen chemischer Aufbereitung bedürfen. Und das in drei aufeinander folgenden Nächten!

Allen eindämmenden Bemühungen zum Trotz konnten wir die Ansteckung nicht verhindern. Zwölf Stunden nach den Erstsymptomen fiel erst der Mittlere, vierundzwanzig Stunden später der Göttergatte, weitere zwölf Stunden später meine Wenigkeit. Am Ende konnte nicht einmal der Hund eine Ansteckung vereiteln. Allein die Pubertät entkam dem ersten Angriff, denn sie verbrachte ihre Weihnachtsferien in Sicherheit, also weit weg von ihrer bazillendurchseuchten Sippschaft.

Das letzte Stück Stoff des Hauses war noch nicht getrocknet, als der Terrorzwerg die zweite Runde Hagendagen eröffnete. Gut, die Sylvesterpläne waren damit gesetzt.

Dieses Mal aber entkamen die anderen Familienmitglieder dem Angriff aus ihrer Mitte. Selbst die mittlerweile in den Schoß ihrer Lieben zurückgekehrte Pubertät durfte sich noch in Sicherheit wiegen. Und so starteten wir ins neue Jahr mit weiterhin unbezwingbaren Wäschebergen und ganz viel Optimismus. Zwei Seuchen in kürzester Zeit sollten doch ausreichen, um die familiäre Krankheitsstatistik ausreichend zu erfüllen.

Aber da hatten wir die Rechnung ohne die neue Jahresstatistik gemacht – zur Erfüllung derselben übergab sich der Terrorzwerg aufs frisch bezogene Sofa. Wenige Stunden später kehrte die Pubertät leichenblass und von schwerer Krankheit sichtlich gezeichnet von einem Friseurbesuch zurück. Dort, so berichtet sie unter Qualen, habe nun auch sie das Familienschicksal ereilt. Kaum war die Schere angesetzt, fühlte sie ein gewisses Unwohlsein, welches sich minütlich steigerte. Dann, bei einer zur besseren Schneidetechnik vollführten Kopfbeugung sei es dann passiert, unter keinen Umständen habe sie das Unaufhaltsame unterdrücken können. Dank des Kittels blieb die eigene Kleidung unverschmutzt und die Haare wurden einfach direkt nochmal gewaschen. Wie auch das gesamte Interieur des Friseursalons, den wir nun, so beschwor uns die Pubertät bitte nie wieder betreten sollten.

Seit diesem beachtlichen Finale scheinen wir gewisse Resistenzen gegen Keime der Hagendagenfamilie gebildet zu haben. Dies gilt aber nicht für sämtliche Viren und Bakterienstämme der großen Familie aller Erkältungserkrankungen. Nahtlos haben wir hier Anschluss gefunden und befinden uns in abwechselnder Besetzung im Temperaturwettstreit. Aktuell führt der Mittlere mit einer vierziger Punktlandung. Nicht ganz ohne Stolz darf ich aber behaupten, dass meine Keime resistent sind und mittlerweile das bereits zweite Antibiotikum kümmerlich versagt – das gibt Sonderpunkte.

Und auch bei unserer Lieblingsfriseurin haben wir uns mit Hilfe einer selbst gebastelten Karte entschuldigt. Die Pubertät war so freundlich, hierzu eine Kotztüte von ihrem letzten Flug beizusteuern. Den Beteuerungen unserer Lieblingsfriseurin, sowas könne doch jedem mal passieren, steht sie aber skeptisch gegenüber:

Jedem kann das passieren? Ja klar, wer kennt es nicht! Mega Alltag, wenn man beim Friseur alles vollgöbelt. Ist nicht witzig, Mama!”

Schiff ahoi!

Je älter die Kinder werden, desto mehr Freiräume bekommt man zurück. Es ist nicht notwendig fast Fünfjährige unter dauernder Beobachtung spielen zu lassen und so verbringe ich mit der Mutter der Spielfreundin des Mittleren eine trügerische halbe Stunde im Garten und lasiere ein Holzregal, welches der Mittlere für sein Zimmer angefertigt bekam. Ich freue mich darüber, das Zimmer damit nun vollenden zu können. Aus dem Obergeschoss erklingt fröhliches Lachen und da größere von Kindern verursachte Katastrophen sich in der Regel durch bedrohliche Stille ankündigen, ahne ich noch nichts, als ich das Haus betrete, um den Terrorzwerg von einer besonders beeindruckenden Horrorwindel zu erlösen. Ich muss mich sputen, denn die Pubertät erwartet mich zwecks Abholung am Flughafen.

Als ich die Stufe erreiche, die meinen Blick ins Obergeschoss dringen läßt, lasse ich beinahe meinen Jüngsten fallen: der neue Dielenboden unseres frisch sanierten Hauses steht unter Wasser und eine abgerollte Klopapierrolle schwimmt träge vom Flur ins nach hinten gelegene Schlafzimmer. Als meine Atmung wieder einsetzt und das in die Füße gerutschte Blut das Gehirn wieder mit Sauerstoff versorgt, vernehme ich anhaltendes, wasserfallähnliches Rauschen. Im unter Wasser stehenden Bad sind alle Hähne weit geöffnet und ich entdecke meinen mit Sicherheit enterbten Sohn komplett nackt zusammen mit seiner ebenfalls unbekleideten Mittäterin unter der Dusche, deren Abfluss mit Hilfe aller Bekleidungsstücke ausreichend verdichtet wurde. Auch hier überall Anteile des Klopapierwochenvorrats.

Verzweifelt möchte ich Handtücher ins Chaos werfen – diese befinden sich aber wegen durchlebter Magen-Darm-Attacken vergangener Tage beinahe gänzlich in der Wäsche. Sonst eher Kampfschreierin vom Dienst bin ich vor Entsetzen verstummt und habe für die giggelnde Brut in der Duschwanne nur ein Wort: “Anziehen!”

Zusammen mit meiner ebenfalls fassungslosen Freundin versuche ich die Fluten aufzunehmen, irgendwo finden sich dann doch noch alte Handtücher und Bettlaken. Die Schneise der Verwüstung zieht sich über den gesamten Flur, hinein ins Zimmer vom Mittleren und in unser Schlafzimmer. Erst im begehbaren Kleiderschrank verliert sich die Klopapierspur. Offensichtlich haben unsere kleinkriminellen Kinder erst das Puppengeschirr, später dann die große Duplotonne mit Wasser gefüllt und willkürlich in den Zimmern ausgeleert. Wobei sich ein Schwerpunkt des Schaffens im Kinderzimmer abzeichnet, wo beide Teppiche vollgesogen sind und wir erst durch Abrücken aller Möbel letzte Wasserlachen austrocknen können.

Auf der Fahrt zum Flughafen denke ich angestrengt über die Konsequenzen nach. Kinderheim zum Beispiel, aber ich nehme an, dass man dort nicht bereit ist, meinen dissoziativen Sohn aufzunehmen.

Am Ende entscheide ich mich für eine vollständige Räumung seines Zimmers, denn wer Spielzeuge in Hülle und Fülle sein Eigen nennt und trotzdem so einen Irrsinn veranstaltet, muss dringend seine Wertschätzung überprüfen.

Nach und nach kehrt es dann aber doch zurück, das Spielzeug. Sieht toll aus im neuen Regal.

Laus des Grauens

Mehr als ein Jahrzehnt erhalte ich nun in schöner Regelmäßigkeit Briefe aus den kinderspezifischen Institutionen, die mich darauf hinweisen, dass gerade ein bestimmter Virus oder ekelerregender Parasit durch die Einrichtung wütet, mit der Bitte, doch auch das eigene Kind auf Anzeichen gründlich zu untersuchen. Und mehr als ein Jahrzehnt lasse ich den mütterlich forschenden Blick kritisch über meine Kinder gleiten und komme dabei jedesmal zu dem Ergebnis: bei uns alles in bester Ordnung.

Bis zu dem Montag Morgen, an dem ich dem Mittleren den blonden Schopf kämme. Da sitzt sie. Braun, bräsig und definitiv zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung erfolgt unmittelbar durch heftiges Zerquetschen mit nachträglichem Ertränken im Ausguss. Sicher ist sicher. Nach panischer Sichtung aller Anwesenden wird schnell klar: die Laus war kein Einzeltäter, es handelt sich um eine Invasion. Eine geglückte Invasion. Einzig der Göttergatte und der Terrorzwerg wurden vom Feind verschont, letzterer wohl aus Ermangelung wärmenden Haupthaares. Nach einigem Hadern treffe ich den Entschluss, den sozialen Tod der Pubertät zu riskieren und rufe in ihrer Schule an mit der Bitte, sie wegen dringenden Verdachts auf Lausbefall sofort nach Hause zu schicken. Eltern sind schließlich dazu da, lebenslange Traumata zu schaffen. Beim Eintreffen der Pubertät sagt mir ihr Blick, dass ich in diesem Bereich durchaus erfolgreich war.

Ein Blick auf ihren Kopf bestätigt aber auch, dass der Anruf mehr als berechtigt war.

Neben der Herausforderung, unbefugtes Leben auf unseren Häuptern zu ertragen, stehen wir zusätzlich vor dem Problem, ausgerechnet an diesem vorangegangenen Wochenende außergewöhnlich viele zwischenmenschliche Kontakte gepflegt zu haben.

Wir teilen uns auf. Ich ziehe in die chemische Schlacht, der Göttergatte übernimmt die Anrufe aller potenziell Betroffenen.

Das Mittel der Wahl zur Läusevernichtung ist auf Silikonbasis, was die Pubertät gänzlich verwirrt, denn Silikon, so meint sie, sei doch ein probates Mittel zur Brust- und Povergrößerung. Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild von wild jubelnden Läusen, die ihre platten, unansehnlichen Körper dank meines Einsatzes endlich in formvollendete Rundungen verwandeln können. Bevor ich das Bild aber weiter ausschmücken kann, läuft mir das Silikon in die Augen und neben dem dadurch verursachten fürchterlichen Brennen, nehme ich die Welt ab diesem Zeitpunkt nur noch durch einen milchigen Film wahr. Die in der ersten Panik nur achtlos zur Seite geworfene Verpackung verkündet fett gedruckt, dass jeder Kontakt mit den Augen in jedem Fall zu vermeiden ist. Auf der Suche nach besseren Neuigkeiten lese ich auch den Rest der Verpackung und stoße dabei auf den stolzen Aufdruck, dass dieses Mittel nach §18 des Infektionsschutzgesetzes zur Entwesung zugelassen sei.

Jetzt fühle ich mich noch schlechter.

Die restlichen Familienmitglieder taumeln halb blind durchs Haus und als sie glauben, nach ausgiebigem Ausspülen des Silikons das Schlimmste überstanden zu haben, rücke ich ihnen mit dem Läusekamm zu Leibe. “Sind da noch Mäuse?” fragt der Mittlere und muss kurzerhand eine nicht unbeträchtliche Menge seines Haarschopfes opfern, damit die Mission glücken kann. Die Pubertät, die über gefühlt bodenlanges Haar verfügt, verweigert jeglichen Scherenkontakt, was ihr eine innige, beinahe sieben Stunden andauernde gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter einbringt. Ihre invasionäre Laus war offensichtlich außer Stande geordnete Nissenstrassen anzulegen. Völlig chaotisch sind die Nachkommen im gesamten Haar versprengt – ob hier wohl ein hyperkinetisches Syndrom zu Grunde liegt?

In den Kämmpausen schmeiße ich mich in meine Bergsteigerausrüstung und versuche den Wäscheberg zu bezwingen, der sich vor unserer Waschmaschine türmt. Leider hatte unsere Ausflugslust am Wochenende dazu geführt, dass der Haushalt sich in verheerender Schieflage befand, als die Laus über uns kam und ich fühle mich wie Don Quichote. Hoch motiviert, aber in hoffnungsloser Mission.